Vom Werden des Waldes

Es war im Siebengebirge lange vor unserer Zeit: Die Vulkane des Gebirges spien kein Feuer mehr. Der Rhein hatte sein großes Bett gefunden und murmelte väterlich zum großen Meer im Norden. Dort unten zwischen den Felsen war eine tiefe Schlucht. Durch diese Schlucht wand sich schwerfällig über Steine und Geröll ein wasserreicher Bach. Hoch und steil stieg es zu beiden Seiten an. Die Felswand war ganz nackt. Unten aber, nahe am Bach, so dass das Wasser im Frühjahr und im Herbst ihn benetzte, drängte sich ein prächtiger Wald, schaute in die Höhe und schaute vor sich hin und konnte weder hierhin, noch dorthin.

„Wie wär´s, wenn wir den Felsen bekleideten?“, sagte eines Tages der Wacholder zu seiner Nach-barin, der Eiche. Die Eiche blickte nach unten, wer da wohl mit ihr spreche; dann sah sie wieder empor und schwieg. Der Bach ging so schwer, dass er schäumte, der Ostwind fegte durch die Schlucht und heulte in den Klüften. Der nackte Felsen neigte sich schwer nach vorn und fror. „Wie wär´s, wenn wir den Felsen bekleideten?“ fragte der Wacholder die Kiefer und die Buche an seiner anderen Seite. Die Buche - schwer beschäftigt mit ihren zahlreichen Kindern um sich herum - erwiderte: „Für solche Abenteuer habe ich jetzt keine Zeit. Als Mutter muß ich mich erst einmal um meine Kinder kümmern“, und spendete den Buchenkindern Schatten, so dass sie sich wohl fühlten. Die Kiefer aber fand die Idee spannend:

 „Wenn es einer tun soll, müssten wir es wohl sein“, sagte die Kiefer. Sie fasste sich an den Bart und sah zur Birke hinüber; „was meinst Du dazu?“ – Die Birke lugte bedächtig zu dem Felsen empor; so schwer neigte er sich über sie, dass sie kaum zu atmen wagte. „Laßt uns ans Werk gehen,“ lachte die Birke frohgemut. Die Eiche rief: „Geht schon einmal vor. Mir ist am nackten Fels noch zu kalt.“ Und wenn sie nun doch nicht mehr als drei waren, so übernahmen sie die Aufgabe, den Fels zu bekleiden. Der Wacholder ging schwer voran. Schließlich hatte er auch als erster die Idee gehabt.

Nach einem Stück ihres Weges begegneten sie dem Heidekraut. Der Wacholder wollte gerade daran vorbei. „Nein, laß das Heidekraut mitgehen“, sagte die Kiefer. Und das Heidekraut voran. Bald rutschte der Wacholder atemlos im steilen Fels ab. „Halt Dich an mir fest“, rief das Heidekraut. Das tat der Wacholder, und wo nur ein winziger Riß im Gestein war, steckte das Heidekraut den Finger hinein, und wo es den Finger fest hatte, bekam der Wacholder die ganze Hand hinein. So krochen und krabbelten sie den Berg hinan. Die Kiefer mühselig, die Birke behende hinterher. „Es ist ein herrliches Werk“, jubelte die Birke je höher sie kamen, „und diese Aussicht!“ „Komm weiter, sprich nicht so viel am Berg, das nimmt den Atem. Oben können wir rasten“, murrte mürrisch der Wacholder und schüttelte sein stacheliges Nadelkleid.

Der Fels aber begann zu überlegen, was das wohl für ein Kruppzeug sein mochte, das an ihm in die Höhe kletterte. Und als er ein paar hundert Jahre darüber nachgedacht hatte, schickte er einen kleinen Bach hinunter, anzuschauen, was da geschah. Es war noch im Vorfrühling, das kalte Schneekleid am Fels begann zu schmelzen und das Bächlein noch schmal. „Liebes gutes Heidekraut, laß mich bitte durch; ich bin so klein.“ Das Heidekraut hatte es sehr eilig, hob sich nur ein bisschen und arbeitete weiter. Der Bach drunter durch und vorwärts. Der Wacholder sah ihn scharf an, aber, wenn das Heidekraut ihn durchgelassen hatte, dann konnte er es auch tun. Der Bach drunter durch und vorwärts. Er kam jetzt zur schnaufenden Kiefer. „Liebe gute Kiefer, willst Du mich nicht durchlassen? Ich bin so klein“, sagte der Bach, küsste der Kiefer die Füße und schmeichelte sich bei ihr ein. Da wurde die Kiefer verlegen und ließ ihn durch. Die Birke aber machte Platz, noch ehe der Bach etwas gefragt hatte. „Hihihi“,  kicherte der Bach und schwoll an. „Hahaha“, lachte der Bach und schwoll noch mehr an. „Hohoho“, brüllte der Bach und warf Heidekraut und Wacholder, Kiefer und Birke auf die Nase und trug sie auf seinem Rücken in wildem Ritt zu Tale. Der Felsen stand viele hundert Jahre und dachte nach, ob er an diesem Tag gelächelt hätte. Sonne und Eis, Schnee und Regen bearbeiteten ihn, und ab und zu schickte er kleine und große Steine zu Tale um nachzuschauen, wo die Störenfriede wohl wären. Es war klar: der Fels wollte nicht bekleidet sein. Das Heidekraut ärgerte sich, dass es ganz grün wurde, und dann zog es wieder den Fels hinauf. Der Wacholder kauerte an der Erde und sah auf das Heidekraut, und er kauerte so lange da, bis er ganz aufrecht saß. Er kraulte sich die widerspenstigen Haare und machte sich auf den Weg. Er biß sich so fest, dass er meinte, der Felsen müsste es fühlen. „Willst Du mich nicht, so will ich Dich“, rief er mutig. Die Kiefer krümmte ihre Zehen, um zu fühlen, ob sie wohl heil seien. Dann hob sie einen Fuß hoch, dann den anderen, schließlich beide. Sie schaute, wo sie gegangen war, dann wo sie gelegen hatte und schließlich, wo sie gehen musste. Dann schlenderte sie los und tat so, als ob sie nie gefallen wäre. Die Birke hatte sich grässlich schmutzig gemacht. Sie stand auf und putzte sich. Und dann ging sie weiter, schneller und schneller, vorwärts und seitwärts, bei Sonne und Regen, immer den Fels hinan, Wacholder und Heidekraut hinter sich lassend, jubelnd und tanzend. Die Eiche hatte das ganze Treiben beobachtet. „Ja, wenn das so ist“, rief sie knurrzig, „dann darf ich nicht fehlen.“ Und sie ächzte den anderen hinterher.

„Was ist denn da nur los?“, fragte der Felsen, wenn die Sommersonne ihn beschien, wenn der Tau glitzerte wie Edelstein und die Vögel sangen, wenn die Waldmaus piepte und der Hase sprang.

Dann kam der Tag, als das Heidekraut über den Felskopf schauen konnte. „Aber nein!“, staunte das Heidekraut, - und weg war es. „Meine Güte, was mag das Heidekraut wohl sehen?“, fragte sich die Birke und kam so weit heran, dass auch sie hinüberschauen konnte. „Aber nein, nein!“, rief sie, hob ihr Kleid sorgsam hoch und trippelte hinterher. „Was hat die Birke denn heute?“, sagte die Kiefer und machte ganz lange, atemlose Schritte in der Sonnenhitze. Bald konnte sie sich auf die Zehenspitzen stellen und hinüberlugen. „Nein, so was!“ Zweige und Nadeln sträubten sich vor Verwunderung. Sie kletterte weiter, kam oben an und weg war sie. „Was mögen all die anderen wohl sehen, bloß ich nicht?“ wunderte sich der Wacholder, krallte sich noch tiefer in Fels und kargen Boden, spannte sich und mit letzter Kraft hob er seinen Kopf über den Felsrand. „A-a-ah! – da steht ja wohl ein ganzer Wald von Birken und Kiefern und Heidekraut und Wacholder oben auf der Höhe und wartet auf uns. Und an den schattigen Hängen kümmert sich die Buche um ihre Kinder. Wie ist die denn dahin gekommen?“ rief er. Und seine zottige Frisur sträubte sich und zitterte im Sonnenschein, so dass der Tau sprühte. „Ja, so geht es, wenn man ans Ziel kommt“, stellte der Wacholder fest. Die zögerliche und knorrige Eiche aber hatte das Tempo der anderen nicht mitgehalten. So entschloß sie sich mürrisch am warmen Fels auszuharren, über seinen Kopf zu schauen und zu warten, bis die anderen den nächsten Berg erklommen hatten. So steht sie noch heute am liebsten im warmen Sonnenschein und bekleidet den Fels. Das Gesicht des Felsens ist bis heute – wie es sich gehört – unbekleidet und schaut mit einem leichten Lächeln, stolz auf sein grünes Kleid, nachdenklich zum großen Strom hinab und erhält ihm sein Bett. Wacholder und Heidekraut sind längst über alle Berge, aber Birke und Buche, manchmal auch noch die Kiefer kleiden bis heute das Gebirge.

Diese Geschichte trug sich zu, lange bevor die Menschen das Siebengebirge eroberten. Sie gaben dem Ort der Gipfelerstürmung später den Namen Siegfriedfelsen. Doch – all dieses hat sich auch an anderen Orten im Siebengebirge zugetragen und – wenn Du genau schaust, ereignet es sich heute noch  im Wald des Siebengebirges.


Fagus